Das limbische System und das Geruchsgedächtnis
Der Hippocampus, die Amygdala und der Proust-Effekt
Warum Düfte anders erinnert werden
Wer den Geruchssinn verloren hat, bemerkt eine Merkwürdigkeit: Es verschwindet nicht nur die Fähigkeit, Düfte zu unterscheiden, sondern noch etwas, das sich schwer benennen lässt. Essen wird nicht unangenehm — es wird nichts. Zuhause riecht nicht mehr nach Zuhause. Das ist keine Übertreibung; es hat eine anatomische Ursache.
Sehen, Hören und Tasten schicken ihr Signal zuerst in den Thalamus, und erst von dort geht es weiter. Riechen ist der einzige Sinn, der den Thalamus umgeht. Vom Riechkolben führt das Signal direkt in den piriformen Kortex, und daneben liegen Amygdala und Hippocampus — die Strukturen von Emotion und Gedächtnis.
Kurz gesagt: Der Duft hat einen kurzen Weg zum Gefühl, den die anderen Empfindungen nicht haben.
Der Proust-Effekt
Das literarische Beispiel ist bekannt: Bei Marcel Proust holt der Geschmack eines in Tee getauchten Gebäcks dem Erzähler eine ganze Schicht Kindheit zurück. Das Phänomen wurde nach ihm benannt, und es ist real genug.
Durch Duft ausgelöste Erinnerungen unterscheiden sich von solchen, die ein Wort oder ein Bild auslöst. Sie reichen häufiger in die frühe Kindheit, sie kommen seltener, werden aber lebendiger und emotionaler erlebt. Man erinnert sie weniger, als dass man in sie hineingerät.
Der Grund ist derselbe kurze Weg. Ein Duft erreicht die emotionalen Zentren, bevor die verstandesmäßige Verarbeitung einsetzt, mit der wir sonst gezielt nach einer Erinnerung suchen.
Was das beim Riechverlust bedeutet
Erstens: Die Schwere des Erlebens ist berechtigt. Riechverlust geht regelmäßig mit gedrückter Stimmung einher, und das ist keine Charakterschwäche: Ein Kanal, über den die emotionale Verbindung zu Orten, Menschen und Essen lief, ist abgerissen. Hält der Zustand an, ist das ein Grund, Hilfe zu suchen, statt ihn auszuhalten.
Zweitens: Genau diese Verbindung wird zum Werkzeug. Da Riechen und Gedächtnis nebeneinanderliegen, lässt sich Erinnerung als Hebel nutzen. Nicht „gerochen und weiter", sondern gerochen und eine konkrete Szene hervorgeholt: wo Sie waren, was geschah, wer dabei war.
Wie man das anwendet
Es wirkt das Detail, nicht die Abstraktion. „Ein Zitrusduft" ist ein schlechter Anker. „Zitronentee, als ich als Kind krank war, und jemand brachte die Tasse" ist ein guter.
Die App bietet zu jedem Duft einen Anker dieser Art, aber das ist nur ein Beispiel. Eigene Erinnerungen sind stärker als fremde, und wenn Zimt für Sie nicht mit Backen verbunden ist, sondern mit einem bestimmten Haus in einem bestimmten Jahr — nehmen Sie das.
Und noch etwas: Die eigene Erinnerung lässt sich aufschreiben. Zu jedem Duft kann ein persönlicher Anker hinterlegt werden, und eigene Düfte lassen sich mit eigenem Foto und eigener Szene anlegen. Je näher der Reiz an Ihrem Leben ist, desto mehr hat das Gehirn, woran es sich halten kann.
