AromaTraining
Deutsch

Alle Artikel

Warum COVID-19 den Geruchssinn raubt

Der Mechanismus von Anosmie und Parosmie nach COVID

3 Min. Lesezeit·Aktualisiert 23.08.2026

Das Virus trifft nicht die Neuronen

Lange schien es offensichtlich: Wenn nach COVID der Geruchssinn verschwindet, tötet das Virus Riechneuronen. Es stellte sich anders heraus.

2020 klärte eine Gruppe um David Brann, welche Zellen des Riechepithels überhaupt die Proteine tragen, über die SARS-CoV-2 in eine Zelle gelangt — vor allem den ACE2-Rezeptor. Bei den Riechneuronen selbst fanden sich praktisch keine. Reichlich vorhanden waren sie dagegen auf den Stützzellen — den sustentakulären Zellen — sowie auf Gefäß- und Drüsenzellen.

Das Virus schädigt also die Umgebung des Neurons, nicht das Neuron. Stützzellen halten das Milieu aufrecht: Sie sorgen für die richtige Zusammensetzung der Schleimschicht, versorgen das Neuron und stützen die Zilien, auf denen seine Rezeptoren sitzen. Bricht dieses Milieu zusammen, ist das Neuron körperlich intakt, kann aber nicht arbeiten.

Die gute Nachricht in dieser Erklärung: Da die Neuronen überleben, gibt es eine Grundlage für Erholung. Die schlechte: Der Zeitverlauf hängt nicht von einem Prozess ab, sondern von mehreren gleichzeitig.

Warum der Geruchssinn zurückkehrt

Das Riechepithel gehört zu den wenigen Nervengeweben, die sich lebenslang erneuern. Es enthält Basalzellen, die sich teilen und zu neuen Riechneuronen heranreifen, um verlorene zu ersetzen.

Deshalb kehrt bei den meisten Menschen der Geruchssinn nach einem Infekt binnen weniger Wochen von selbst zurück. Die Stützschicht wird wieder aufgebaut, die Zilien erholen sich, das Signal kommt wieder an.

Schwierig wird es, wenn der Schaden auch die Neuronen erreicht hat und die Erholung bei null beginnen muss — die Zelle muss wachsen und ihren Fortsatz erneut in den Riechkolben verlegen.

Woher die Parosmie kommt

Nachzuwachsen genügt einem neuen Neuron nicht. Sein Axon muss den Riechkolben erreichen und am richtigen Glomerulus andocken — genau dort, wo das Gehirn diesen Bestandteil des Dufts erwartet.

Erholt sich eine ganze Zellpopulation auf einmal, docken einige falsch an. Das Gehirn erhält einen vertrauten physikalischen Reiz, aber er kommt über die falsche Leitung. Kaffee riecht plötzlich nach verbranntem Gummi, Fleisch nach Fäulnis, das Lieblingsparfüm wird unerträglich. Das ist Parosmie: keine Einbildung und kein psychisches Problem, sondern ein Verdrahtungsfehler.

Paradoxerweise zeigt Parosmie meist an, dass der Prozess läuft: Die Zellen erholen sich, sie docken vorerst nur schief an. Mit der Zeit ordnen sich die Verbindungen, und die Verzerrungen lassen nach. Genau diese Ordnung zu beschleunigen ist Aufgabe des Differenzierungsmodus.

Was zeitlich zu erwarten ist

Die vorsichtige Antwort: bei den meisten Wochen, bei manchen Monate, bei einigen bleibt die Erholung unvollständig. Riechtraining garantiert kein Ergebnis, verbessert die Aussichten aber statistisch — und je früher es beginnt, desto deutlicher.

Eine sinnvolle Faustregel: Ist der Geruchssinn zwei bis drei Wochen nach dem Infekt nicht von allein zurück, lohnt es, mit dem Training zu beginnen und sich HNO-ärztlich vorzustellen. Plötzlicher Verlust ohne Schnupfen, einseitiger Verlust oder Verlust nach Kopfverletzung sind Gründe, sofort zur Ärztin zu gehen — nicht in einem Monat.

Quellen

WeiterlesenMultisensorische Integration

App laden

Funktioniert offline. Das Tagebuch lässt sich als PDF für die HNO-Praxis exportieren.

App Store Google Play